Der jüngste Kursrutsch bei Bitcoin hat eine kontroverse These auf den Plan gerufen: Nicht Panikverkäufe, sondern gezielte Absicherungsaktivitäten von Banken und Hedgefonds sollen den Absturz ausgelöst haben. Arthur Hayes, Mitgründer der Kryptobörse BitMEX und ehemaliger Investmentbanker, macht dafür strukturierte Finanzprodukte im Zusammenhang mit dem Spot-Bitcoin-ETF IBIT verantwortlich.
Die These von Arthur Hayes
Arthur Hayes, der über umfangreiche Erfahrung im klassischen Finanzsystem verfügt, erklärt in einem Beitrag auf X, dass der Bitcoin-Abverkauf wahrscheinlich auf sogenannte „Dealer-Hedging“-Aktivitäten zurückzuführen sei. Konkret bezieht er sich auf strukturierte Produkte, die an den BlackRock Spot-Bitcoin-ETF IBIT gekoppelt sind. Seine Theorie besagt, dass bestimmte Kursmarken automatisierte Verkaufsmechanismen ausgelöst hätten, die den Preis zusätzlich nach unten gedrückt hätten. Er kündigte an, eine Liste aller von Banken emittierten Notes zu erstellen, um die Auslösepunkte besser zu verstehen, die schnelle Kursbewegungen verursachen können.
Was sind strukturierte Produkte auf IBIT?
Strukturierte Produkte sind keine direkten Bitcoin-Investments, sondern Schuldverschreibungen von Banken, die verschiedene Finanzinstrumente, insbesondere Optionen, kombinieren. Sie bieten Anlegern oft scheinbar Schutzmechanismen oder feste Erträge, solange der zugrunde liegende Kurs bestimmte Bedingungen erfüllt. Typisch sind Auto-Callable- oder Trigger-Strukturen: Solange der Basiswert (hier der IBIT-ETF) über einer definierten Schwelle notiert, bleibt das Produkt intakt. Wird die Schwelle unterschritten, entfallen Schutzmechanismen und Verluste schlagen nahezu proportional durch. Für die emittierende Bank bedeutet dies eine sprunghafte Risikoänderung.
Warum Absicherungsgeschäfte Verkäufe erzwingen können
Um diese Risiken zu steuern, betreiben Banken „Delta-Hedging“. In der Nähe von Barrieren steigt jedoch die Empfindlichkeit der Positionen, was kleine Kursbewegungen zu großen Anpassungen im Hedge zwingen kann. Fällt der Kurs weiter, müssen Banken zusätzliche Verkaufs- oder Kaufpositionen aufbauen, nicht aus Überzeugung, sondern aus Risikomanagement. Treffen mehrere Produkte mit ähnlichen Schwellen zusammen, verstärkt sich dieser Effekt, was zu einer technisch ausgelösten Abwärtsdynamik führt, ähnlich wie bei Liquidationen.
Indizien: Options-Explosion und Hedgefonds-Gerüchte
Die Debatte erhielt zusätzlichen Auftrieb durch ungewöhnliche Marktdaten. Während des jüngsten Kurssturzes erreichte das Handelsvolumen des IBIT-ETFs ein Rekordniveau, und der Optionshandel explodierte mit rund 900 Millionen US-Dollar an Optionsprämien. Trotz des starken Preisrückgangs und des hohen Handelsvolumens blieben die ETF-Abflüsse begrenzt, was Fragen aufwarf. Eine diskutierte Erklärung ist, dass ein großer, stark gehebelter Hedgefonds unter Druck geraten sein könnte. Diese Dynamik deutet eher auf das Schließen oder Absichern von Positionen durch einen großen Akteur hin als auf breite Privatanleger-Verkäufe.
Die Spur führt (angeblich) nach Asien
Ein weiterer Aspekt der Theorie betrifft die geografische Verortung möglicher Akteure. Öffentliche 13F-Filings zeigen Fonds, die fast ihr gesamtes Vermögen in IBIT halten und oft in Hongkong ansässig sind. Zeitgleich ereigneten sich starke Bewegungen in anderen Märkten wie Silber und Yen-Carry-Trades, in denen asiatische Hedgefonds traditionell stark engagiert sind. Die zeitliche Korrelation nährt den Verdacht, dass ein oder mehrere große Akteure gezwungen waren, Positionen über verschiedene Anlageklassen hinweg abzubauen, um Liquidität zu beschaffen.
Nur Indizien – Keine Beweise!
Es gibt bislang keinen harten Beweis für einen konkreten Hedgefonds-Zusammenbruch. Die Analysen basieren auf Indizien und Mustern. Sollte ein Fonds liquidiert worden sein, würden solche Informationen erst mit Verzögerung, beispielsweise in öffentlichen Filings, sichtbar werden. Auch Verluste auf der Bilanz von Brokern wären schwer zu erkennen.
Reicht der Einfluss auf den Markt?
Einige Analysten wie Pierre Rochard halten die beschriebene Mechanik zwar für grundsätzlich real, bezweifeln jedoch deren maßgebliche Bedeutung für den Gesamtmarkt, da das Volumen strukturierter IBIT-Produkte bislang als zu gering eingeschätzt wird. Grundsätzlich können solche Produkte und Optionspositionen jedoch Bewegungen verstärken, auch wenn sie diese nicht allein auslösen.
Die Antwort bleibt offen
Ob Banken tatsächlich „schuld“ am Bitcoin-Kollaps sind, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wahrscheinlich ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Die Analysen von Hayes und Parker zeigen jedoch, dass mit der zunehmenden Integration klassischer Finanzprodukte neue, oft unsichtbare Dynamiken in den Bitcoin-Markt gelangen. Strukturierte Produkte, Optionshandel und bankseitiges Hedging können Kursbewegungen verstärken. Bitcoin reagiert zunehmend nicht nur auf Angebot und Nachfrage, sondern auch auf die Logik des traditionellen Finanzsystems.